„Wir brauchen Eure Ideen und Anregungen!“ …aber bitte nicht als Alibi-Veranstaltung!

Von Bernd Glathe, ISS

„Wir brauchen Eure Ideen und Anregungen!“ – in diesem Tenor erging kürzlich ein Aufruf an die Bürger der Stadt, sich doch (mit Pilotprojekt-Charakter) an der Stadtentwicklung zu beteiligen und als Nutzer (man könnte auch „Kunden“ sagen) und Betroffene bei der Gestaltung von Freiflächen und Gebäuden mitzuwirken. „Teilhabe“, „Bürgerbeteiligung“, „sich einbringen“, „Einfluss nehmen“ – klingt erstmal gut, besonders für diejenigen, die sonst keinen Einfluss über Gremien, Ausschüsse oder andere städtische Organisationen haben.

Gerufen – gekommen. Gesagt – getan, ein neuer Anfang im Sinne von „mehr Demokratie“ und „mehr Diskussion“ wagen steht an. Und es beginnt gut: Nach intensiver Diskussion und viel „Herzblut“ kommen auch viele gute Ideen und Anregungen zusammen, Schwerpunkte bilden sich klar heraus, die Bürger werden gelobt für die vielen guten Ideen. „Versprochen – wir werden die Ergebnisse berücksichtigen und einarbeiten, Machbarkeit und Budget vorausgesetzt.“

Doch was geschieht gerade? Ein interessierter Investor tritt auf den Plan und bietet der Stadt an, sich im größeren Umfang mit Geld zur Entlastung der Stadt einzubringen, und das bei einem Gebäude im exponierten Mittelpunkt der Stadt (1-A-Lage), das „eigentlich“ Leuchtturmcharakter für die weitere Stadtentwicklung und Bürgerbeteiligung hätte haben sollen. Es werden erfolgreich Vorgespräche geführt und das Ergebnis – maßgeblich vom Investor (und den städtischen Ausschüssen) beeinflusst – der Öffentlichkeit als „beste Lösung“ aus allen Vorschlägen präsentiert. Nur sind leider dabei die (bereits auf Machbarkeit geprüften) Ideen und Anregungen der Bürger unter den Tisch gefallen. Beteiligung geht anders!

Dass nach einer solchen „Alibi-Veranstaltung“ Frust und Wut bei den engagierten Bürgern aufkommt ist nachvollziehbar.

Der pikante i-Punkt auf dem Gipfel des Geschehens: Einige maßgebliche Vertreter der Stadt sind nicht wirklich an der Bürgerbeteiligung interessiert, jedenfalls dann nicht, wenn konkurrierende Vorschläge und unbequeme Forderungen durch die Bürger gemacht werden. Aber es gibt Fördermittel für die Bürgerbeteiligung, und darauf möchte man natürlich nicht verzichten. Und die örtlichen Medien sind auch noch voll des Lobes ob dieser neuen Beteiligungsform in der Stadtentwicklung! Welch‘ eine Farce.

Was ist eigentlich Aufgabe von Stadtpolitik und -verwaltung? Investoren gewinnen und Bürger enttäuschen?

Ich halte es im Sinne der langfristigen Qualitätssicherung unserer Gesellschaftsform (= Demokratie) durchaus für wichtig, sich einmal die Grundsätze der Organisationsentwicklung anzusehen und sich daran offen und ehrlich zu orientieren. Denn man hätte dem Investor entweder konkrete, dem Bürgervotum entsprechende Vorgaben machen oder – noch besser – ihn von den Ideen und Anregungen überzeugen und so mit ins Boot holen können. Dann hätten alle gewonnen: Stadt, Investor und Bürger.

Aus ISS-Sicht hier die Grundsätze der Organisationsentwicklung aus aktuellem Anlass (die übrigens auch im dera-Moderations-Training die Basis der Ausbildung sind):

Keine Maßnahme ohne Diagnose!
Ganzheitlich denken und handeln!
Hilfe zur Selbsthilfe organisieren!
Beteiligung der Betroffenen!
Rollende Planung in der Umsetzung!

Dann klappt’s auch mit den Bürgern.

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